Mittwoch, 31. Juli 2013

You can´t always get, what you want






Die letzen Wochen waren recht turbulent. In Bayern war gestern endlich der letzte Schultag und wie es auch in anderen Bundesländern zu anderer Zeit ist, muss davor noch eine Menge organisiert werden. 

Jeder mag sich noch treffen, zu Picknicks, Verabschiedungen, zum Geschenkeüberreichen, zu Andachten und Schulfesten. Dazwischen sucht man kurzfristig verschollene Büchereisachen und geklaute Sporttaschen, man kauft für jedes Kind bestimmte Dinge ein, die nicht oder doch als kompatible Brotzeit zu Sportfesten, Kulturtagen und Waldausflügen mitgenommen werden können und bäckt um halb 10 abends "Straf"-Kuchen, weil das Kind im Geounterricht dreimal irgendwas vergessen hat und einem das um fünf vor halb 10 mitteilt. Drei Tage später bäckt man wieder Kuchen für den Geounterricht, diesmal, weil der erste, improvisierte, offenbar doch leckerer war, als befürchtet und die ganze Klasse darüber abgestimmt hat, dass der Sohn für das "Abschiedsgebäck" für die letzte Unterrichtsstunde in diesem Jahr zuständig sein soll. Da sogar schon um halb neun. Weil das Kind um fünf vor halb... Verpacken wird man den Kuchen nicht in dem Behältnis vom letzten Mal, weil dieses im Bus vergessen wurde und auch bisher nicht wieder aufgetaucht ist.

Man lässt sich, speziell in den letzten beiden Wochen, täglich aufs Neue davon überraschen, wann das Kind anruft und wegen Hitzefrei oder der Klassensportchallenge vom vorzeitig beendeten Schultag abgeholt werden mag oder von Tutorennachmittagen oder Wandertagen, man hat die letzten Lesepatenstunden in der Grundschule, besorgt Geschenke für Erzieherinnen und geht Essen mit der Lehrerin und der Klasse der Tochter.

Zwischen dem Dazwischen ist man im Büro, hat Kinderarzt- und Frisörtermine, verarbeitet Früchte, die irgendwie allesamt gleichzeitig reif werden, man fährt siebenmal zum Schwimmen, hat einen liebsten Übernachtungsgast und spontane Treffen im Innenhof bis tief in die Nacht, man bringt die Kinder zu Geburtstagsfesten, lässt sich im OpenAirKino von Mücken anknabbern, verschickt Pakete an wunderschöne Neugeborene, bzw. die beste Neumamacousine der Welt und schützt Baumärkte vor der Insolvenz.

Man wird zu Freundinnen eingeladen, holt Kinder vom Musikunterricht ab, hat großartigen Besuch und verabredet sich mit drei wunderbaren Menschen, die man zum Teil seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat, wird aber auch nach diesem Treffen, wie schon zur Abschlussprüfung, nicht vollständig erklären können, was ein "chromolytisches Farbverfahren" ist, man gräbt tonnenweise Unkraut aus, stellt das Wohnzimmer um und kauft sich nach dem Sport und eine Stunde vor der Verabredung ein neues Kleid.  -- Gänzlich unvollständige Aufzählung. --

Ein ganz normaler Juli, kurz vor den Sommerferien. 

Was ich oben neben noch viel mehr "Ereignissen" alleine in diesem Monat ebenfalls nicht genannt habe, ist das "zwischen dem zwischen dem dazwischen". Das "anstelle von" und das "statt", das "wenn nicht, dann", das "gut, dann zuerst" und das "dann eben". Die B-Pläne. Die kleinen Änderungen im eigentlich gedachten Ablauf, die nicht absehbar waren, die aber handzuhaben sind.

Die einen mit drei Eiern, einem halben Päckchen Butter und 350 g Mehl um halb 10 abends Kuchen für 32 Leute backen lassen. Oder die einen nach einem Anruf um 10.40 h das Kind in der Innenstadt von der Schule abholen lassen, während das andere um 11.15 h im Dorf Schulschluss hat. Die einen um 6.45 h, zwei Minuten, bevor der Bus kommt, noch anderes Gemüse schnippeln lassen, weil das Kind in diesem Moment beschlossen hat, dass Karotten die schlimmste Nahrung der Welt sind. Die einen auf dem Weg von A nach B über C, D, X und Y fahren lassen, weil man danach seit eben zwei weitere Termine hat. Die einen bis 1 Uhr nachts einen quietschbunten Kissenbezug nähen lassen, weil man es die Tage zuvor beim besten Willen nicht mehr in einen Laden geschafft hat, das Kind aber am nächsten Morgen um 10 etwas zum Verschenken braucht.

Vor einiger Zeit habe ich ein Geschichtlein darüber geschrieben, dass das Leben mit Kindern gerne mal die ein oder andere überraschende Wendung bereithält. HIER sehr gerne nachzulesen. Denn wenn man Kinder hat, kann man planen, was und wie man will. Irgendwas kommt immer dazu oder dazwischen. 

Ein Beispiel? Ein Beispiel.

In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde ich um kurz vor eins von meinen Mückenstichen geweckt. Neunzehn (!) sich derzeit alleine an meinen Beinen (!!) befindliche Stiche haben sich zu kollektivem Juckwahn zusammengetan.

Das Kleinste weinte im Schlaf und so strich ich zum Trost mit der Hand über seine Stirn - Saharagobiunklimatisiertesgroßraumbüroimhochsommerheiss!

Der dringend benötigte Schlaf wurde durch ein Vierjähriges im Elternbett, Wadenwickel, Stirnumschläge und viel Kuscheln ersetzt.

Der nächste Morgen, Montag, war der vorletzte Schultag. Um kurz nach halb acht waren die Großen aus dem Haus, das Kleinste schlief. Ich informierte den Kindergarten und begann um kurz nach acht, Eier für einen Kuchen zu trennen.

Als ich anfing, Eischnee zu schlagen, klingelte das Telefon. Um 8.25 h.

"Mama?" Mein Sohn. "Mama, ich hab Schule aus!"

Hast. Du. Nicht.

Sohn: "Doch! Ich hatte heute nur Bücherabgabe und jetzt ist schon Schluss."

Ich: "Wo stand das?" 

Sohn: "Nirgends."

Ich: "Und deine Klassenlehrerin hat dir das vorher nicht gesagt?"

Sohn: "Nein."

Ich zückte meine letzte Waffe, um mein Kind hinterhältig eines selbst verschuldeten, lückenhaften Informationsflusses zwischen Schüler und Mutter zu überführen:

"Wie haben die anderen in deiner Klasse reagiert? Waren ALLE überrascht?" 

Sohn: "Ja! Wirklich jeder! Keiner hat das gewusst!"

Ich blickte seufzend auf den Eischnee und beschied meinem Ältesten, ihn abzuholen. Gleich nachdem ich das Baiser in den Ofen geschoben hätte. Mein eilends herbeizitierter Mann, ohne den ich hoffnungslos verloren wäre und der GOTTSEIDANK da und in diesen Morgenstunden flexibel war, würde auf das fiebernde, noch immer schlafende Kleinste achten.

Statt also Kuchen zu backen und den unorthodoxen Ordnungsstil des Hauses zu reorganisieren (= aufzuräumen) fuhr ich mit 17938 anderen Menschen an einem Montag Vormittag durch die Stadt, um mein Kind von der Schule zu holen.

Ich muss zur Erklärung kurz einfügen, dass ich am Dienstag ein Fest in unserem Innenhof geplant hatte. Die Anzahl der Gäste, die sich erfahrungsgemäß bestimmt spontan noch erhöhen würde, belief sich mit uns derzeit auf 24.

Das Glühwürmchen hatte mir bereits einen Strich durch die durchdachte Rechnung gemacht - sicher würde ich es nicht auf die Couch packen und liegen lassen, während ich Tische zusammenstellte, buk, vorbereitete, aufräumte und Einkaufslisten schrieb, sondern mich um mein Kind kümmern und den Rest in die Schlafphasen schieben.

Auf dem Rückweg von der Stadt holten mein Sohn und ich noch einen Strauß Gladiolen vom Feld und Beeren für die Kuchen. Immerhin zwei Punkte der Liste: check.


Zu Hause habe ich versucht, die anderen Punkte wenigstens in Teilen zu checken.

Am Nachmittag haben wir das Fest schließlich abgesagt.

Statt die leckersten Beeren zu Kuchen zu verbacken oder Gazpacho für 24 zu machen, habe ich Gesundwerdsuppe gekocht. Statt den Innenhof zu dekorieren und Grillgut einzukaufen, habe ich Waden gewickelt und das mittlerweile bei fast 40 Grad fiebernde, aber dennoch unglaublich entzückende Mini umsorgt: "Ach, Mama. Ich wünschte meiner Stirn, es wäre Winter. Die fühlt sich nämlich schon wieder so heiß an!".



Dazwischen (Hach.) verpackte ich Abschiedsgeschenke für Lehrerinnen und Erzieherinnen, wusch Wäsche, kämpfte mit fiesen Kreislaufproblemen und irgendwie... Ich glaube, manchmal sagte jemand "Mama?". Ich muss wohl mehrere Kinder haben.

Der "Plan" für den gestrigen letzten Schultag war ein ausgesprochen ruhiger. Dem Kleinen ging es besser und mir auch, aber trotzdem wollten wir einfach einen Tag Pause machen. 

Dass mein Mann eine (von mir) vergessene Lektüre nach dem Anruf der Lehrerin zur Grundschule bringen musste, fiel nicht weiter auf und war sogar ganz praktisch, weil er das ebenfalls (und auch von mir) liegen gelassene Pausenbrot auch gleich mitnehmen konnte. Hoffnungslos verloren wär ich.

Als die Großen aus der Schule kamen, haben wir Zeugnisse bewundert und mein Sohn fing an, ein Brettspiel vorzubereiten. Statt aber das Spiel dann auch zu spielen, fuhr mein Mann mit ihm zum Arzt - ein Insektenstich auf seinem Unterarm mit ringförmiger Verfärbung außen wollte auf Borreliose untersucht werden. Erwähnte ich schon, dass ich ohne meinen Mann...?

Letztlich hatte ich dann gestern übrigens statt geplanter keiner Gäste doch 4, durch die Bank wunderbar, aber mehr oder weniger kurzfristig und daher zwar ein unglaublich leckeres Geschenk :) aber auch Streß, zumal leider ein Glühwürmchen abends das andere abgelöst hat.


Es heißt, man wächst mit seinen Aufgaben. Hat man Kindern, wächst man oft über sich hinaus. Man ist flexibel, spontan, denkt an alle Eventualitäten, organisiert in Sekunden ganze Tage um und schafft immer alles Wichtige (Nicht Haushalt.). Vielleicht begleitet von schwerem Atmen und ein bißchen Schreien und gelegentlich verzweiflungsgerändert, aber man schafft es.

Ich weiß nicht, wieso die Angabe "Mutter" oder "Vater" nicht automatisch die Türen zu allen Jobs dieser Erde aufmacht. Niemand sonst hat soviel Organisationsvermögen, kann soviel ein- und abschätzen und das Augenmerk auf Notwendiges lenken, kann Ungeplantes einfließen lassen und kommt trotzdem zu einem bemerkenswerten Ergebnis. In Berlin würden seit drei Jahren Flugzeuge starten, hätten die Planung ausschließlich berufstätige Mehrlingseltern, "bevorzugt" alleinerziehend, übernommen.

Und heute? Bleibt heute auch alles anders? Keine Ahnung. Ein neuer Tag, ein neues Glück.




San 




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