Samstag, 6. April 2013

Was geht, was bleibt

Das einzig Doofe an so einem kleinen Kind ist ja schon irgendwie die Tatsache, dass es nicht besonders lange eines bleibt.
Kaum ist es geschlüpft, ruft es dich auch schon mittags mit seinem (!) Handy (!!) an und teilt dir mit, es habe den Schulbus verpasst, sei jetzt aber zum Essen bei seinem Freund eingeladen, mache dort Hausaufgaben und ginge anschließend ins Einkaufszentrum. Um fünf nähme es dann den 24er nach Hause, dasseidochinordnungsooder?

Äh… WTF??!

Nur der Vollständigkeit halber und auch, damit man mich gegebenenfalls ein paar Absätze weiter daran erinnern kann: ich will mich in dieser Geschichte nicht per se übers Großwerden beschweren. Naaaaiin! Es ist toll, nur kurz „Schuhe anziehen!“ brüllen zu müssen, drei- bis siebenmal, wenn man mit den Kindern los will, statt zu stillen, zu wickeln, 1007 Dinge zu packen, zwei zu vergessen (später als einzige WIRKLICH gebraucht) und schließlich noch einmal zu wickeln. Und während man Schlafrhythmuszeiten abpasst und Essenszeiten einhält, grenzt es genau genommen an ein Wunder, letztlich doch noch irgendwann mit all seinen Kindern das Haus verlassen zu haben.

Ich will mich hier wirklich nicht beschweren. Ich möchte, mit bekannt sentimentalen Einflüssen, Veränderungen aufzählen. Veränderungen, von denen viele so schleichend geschehen, dass man sie erst wahrnimmt, wenn eines Mittags das Handy klingelt. Aber ich beschwere mich nicht. Und sollte ich es vergessen… Ihr wisst schon.

Das erste Jahr. Dieses alles aus den Angeln hebende, erste Jahr. Wer, beispielsweise, erinnert sich nicht an das so typische Babyweinen, das nach drei Monaten einem Kinderweinen weicht? Das erste Jahr, in dem das Kind lernt zu Essen, zu Laufen, zu Sprechen, so kurz, bevor es mit Essen wirft, man ihm überallhin nachlaufen muss und es Widerworte gibt. Und dann, schwupps, passt es nicht mehr in Größe 92. Dem Kind, vor dessen Bett man eben noch fasziniert gestanden und das einen Sätze wie „Kuck dir das an! Das sieht ganz anders aus als heute Morgen!“ formulieren hat lassen und dessen kompletter kleiner Finger exakt so lang war wie das oberste Fingerglied vom eigenen, diesem Kind kauft man ein Laufrad. Die Duplos wichen schon zuvor den kleinen Legos, die dreiteiligen Puzzles den 24- und 48-teiligen, und beim Sortieren der Bilderbücher hat man die angeknabberten Fühlbücher mit den fehlenden Ecken in eine Kiste gepackt und zu den anderen 19 Kisten, die ebenfalls Dinge enthalten, von denen man sich nicht trennen kann, auf den Dachboden gestellt.

Das Kind, das mal „Sonne!“ gesagt und für das man dann ein komplettes Planetensystem gemalt hat, malt eines Tages selbst erst Striche mit immensem Interpretationsspielraum, dann Kopffüßler mit geraden Mündern und zwei Tage später eine Prinzessin mit Krone und Pferd. Und dann will es kleben, erst sich und die Tischplatte und gelegentlich auch Papier, und dann schenkt es einem plötzlich eine selbst gebastelte Rakete, die auf den ersten Blick und ganz ohne Wollen auch als solche zu erkennen ist.

An einem Samstag geht das Kind, das gestern noch das erste Mal „mit ohne Mama“ zum Geburtstagsfest eines Kindergartenfreundes eingeladen war und sich den Abschiedskuss von der Backe gewischt hat, alleine zum Bäcker. Eine Woche darauf kommt es in die Schule. Das sei verdammt verkürzt? DAS DAUERT AUCH NICHT LÄNGER!

Und eines Tages schickt man das Kind unter die Dusche. Das Kind, wegen dem man jahrelang vor jedem Baden alle Fenster im Haus geschlossen hat, weil man befürchtete, dass bei dem infernalischen Geschrei die Nachbarn irrtümlich denken könnten, man tue ihm etwas an, dieses Kind kommt, angezogen und eingecremt und mit gewaschenem Haar (!!!!!) aus dem Badezimmer.

Zu den Stapelsteinen und „Lotti Karotti“ im Spieleregal gesellen sich „Make ´n´ Brake“ und „Wer war´s?“ und das aus dem Schullandheim zurückgekehrte Kind klopft neben sich auf einen freien Stuhl: „Setz dich mal, Mama. Ich bring dir jetzt Schach bei.“

Von dem Kind, dem man Klarsichtfolie zum Trommeln über Töpfe gespannt hat, wird man Sonntagmorgen um halb 9 durch das Praeludium, auf dem Klavier gespielt, geweckt.  

Dasselbe Kind, das gerade „Mamiiiii! Turm baut!“ gerufen hat, hebt lediglich kurz den Kopf, während man wegen eines wirklich fies scharfen Stücks Pizza keuchend über dem Esstisch hängt: „Coole Verkleidung, Darth.“.

Kurz darauf zeigt DAS KIND Anzeichen von Präpubertärem. Man bittet es zwar, das zu unterlassen, weil man dafür noch nicht bereit sei, aber das ist ihm egal. Es kann mittlerweile nicht nur in der Muttersprache „WAAAAAS??!“ schreien, es schreit auch „QUOOOOOIII??!“. Man muss ihm nahe legen, dass man ihm künftig ausschließlich Selleriesaftschorle zubereiten werde, sollte es einmal „Aaaaaltah!“ zu einem sagen und bittet man es, das Katzenklo sauber zu machen, zieht es ein Gesicht, als hätte man es gebeten, das Katzenklo sauber zu machen, sein Zimmer aufzuräumen, sich die Zähne zu putzen, den Tisch zu decken, seine Jacke nicht ausgerechnet da fallen zu lassen, wo es sie ausgezogen hat… Oh. Faden verloren.

Das Kind, für das man eben noch „Spaghetti Bolognese, ab 8. Monat“ im Wasserbad erwärmt hat, verkündet, es wolle sich künftig fleischlos ernähren und diskutiert tagelang und erfolglos über die Unterschiede eines ab 6 und eines ab 16 Jahren freigegebenen Nintendospiels.

Hach.

Als eine „Mischung aus Wehmut und Stolz“ bezeichnete meine Freundin einmal so treffend dieses Gefühl, dem Kind beim „Werden“ zuzusehen. Und - man sieht zu. In der Tat. Oder vielmehr „tatenlos“, denn der Wandel des Beobachterpostens dürfte im Lauf der Zeit vielleicht die größte Veränderung darstellen.

Was geht? Das Kind, das einem staunend bei allem zusieht.

Was bleibt? Das Kind. Das man staunend bei allem beobachtet.

Ich beschwere mich nicht.


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