Samstag, 19. Januar 2013

Happy-Hippie-Woche

„Heute werd ich einen Kuchen backen!“, hat es gesagt, mein jüngstes Kind. Und lächelnd aus dem Fenster gesehen. „Aus Schnee?“, habe ich gefragt. „Nein, aus Sand. Denn der Schnee ist meine Sahne.“

Kawumm. Da war sie wieder. Die Kinderphilosophie-Keule auf meinem bornierten, sturen Erwachsenenschädel. Der Es-ist-alles-eine-Frage-der-Perspektive-Schlag, den ich so dringend hin und wieder verpasst kriegen muss.

Der mich das Kind mit dem Schlitten in den Kindergarten ziehen und obwohl schon so viel zu spät, auch noch zusehen lässt, wie es sich damit selbst den Berg hinauf kämpft. Strahlend. Der mich den durchs winterliche Weiß stapfenden Mann, den ich auf dem Rückweg treffe, und der „Das haben wir jetzt auch noch gebraucht!“ faucht, anlächeln lässt.

Und der mich, nachdem ich an diesem einen Tag das vierte von insgesamt elf Malen eine Schneise in den verschneiten Fußweg vor unserem Haus schlage und der Räumdienst Minuten später dann einen sechsmal eineinhalb Meter-Wall darauf schiebt, „Och, wo soll er denn hin mit dem ganzen Schnee. Überall sonst liegt ja schon was.“ denken lässt. Weil ich dann einfach die Straße per Schaufel neu definiere.

Oh, wie gut mir dieses klitzekleine Gespräch mit meiner dreijährigen Tochter getan und dieser Hinweis auf schlichte Schönheit meinen Blick neu justiert hat. Auf Dinge, die von mir so oft als selbstverständlich und gegeben angesehen werden, obwohl sie es nicht sind. Dieses klitzekleine Gespräch, das der Startschuss war für eine eher seltene und, ja, eigenartige, ungewohnte Entspanntheit, die sich seit ein paar Tagen in mir breit macht. Tach, Happy Hippie mein Name.

Wenn mein Mann „Trinkst du einen Kaffee mit mir?“ fragt, sehe ich nicht auf die Uhr und überlege, welchen Wäscheberg ich wohin umschichte, welche Sache ich im Büro zuerst erledige und was ich um Himmels Willen heute koche, in dieser lächerlichen Zeitspanne, die die Vormittage beinhalten. Ich bestelle ein Glas Prosecco. Wenn der müde Große, obwohl mehrmals im Lauf des Nachmittags danach befragt, beim sehr späten Abendessen „Äh, Mama, ich hab da doch noch zwei Seiten Bio bis morgen…“ sagt, teile ich ihm mit, dass er sich ausruhen soll und die eventuelle, morgige Ex nicht die letzte in diesem Jahr sein wird. Und ich blicke mich um und brülle nicht „Alle sofort antreten! Wer zur Hölle hat 388 Einzelteile von fünf verschiedenen Puzzles vermischt und den Fußboden damit geschmückt?“. Ich denke „Oh schön, während sie gepuzzelt haben, habe ich gelesen. Die räumen das später wieder auf.“.

Okeeeeeh. Also, jetzt hab ich Angst. Entweder ich bin in einer Art Vorstufe von Alterweisheit angekommen, oder ich verkenne die Anzeichen einer bis dato versteckten, aber unglaublich hinterhältigen und noch sehr viel schwereren Psychose.

Wobei… He, Sie. Ja, Sie, die Sie Ihren Köter immer in das Blumenbeet an, oder, so es der tierische Schließmuskel keine drei Meter weiter mehr hält, gerne auch mal direkt VOR unser Gartenzauntor scheißen lassen: irgendwann habe ich das große Glück, Sie beobachten zu können. Und dann werde ich Sie erkennen. Und herausfinden, wo Sie wohnen. Und dann sammle ich, eine Woche lang, den Inhalt unseres Katzenklos, der zwar ebenfalls biologisch abbaubar, aber nicht aus 100% Tonmineralischem ist. Und, übrigens: zwei Katzen. Gute Esser. Den Euro für den 60er-Pack Plastikbeutel aus dem Drogeriemarkt Ihres Vertrauens lege ich oben drauf.

Hundekacke (ist das überhaupt ein Hund oder zerren Sie, der Haufengröße nach zu urteilen, einen Paarhufer hinter sich her?) in der Tüte: ja. Hundekacke an den Schuhsohlen meiner Kinder: nein!

Ach. Ein Glück. Alles in Ordnung mit mir. Fast wär mir dieser Post schon zu romantisch geworden…

Die Philosophie-Keule also. Der gelegentlich nötige Knall, der mir hilft, mich nicht zu verrennen, nicht zuviel zu erwarten, mich nicht vom Alltag verschlucken zu lassen, der mich daran erinnert, mich zu erinnern. Daran, mich umzusehen und festzustellen, wie verdammt gut es mir eigentlich geht.

Ich habe nach drei Monaten „Rücken“ Ende letzten Jahres, der mich Nächte knieend, als einzig erträgliche Position, vor der Couch hat verbringen lassen, keinerlei Schmerzen. Ich mache wieder Sport. Meine drei Kinder, die ab 6.45 Uhr morgens das Haus verlassen, kommen alle spätestens um 15.00 Uhr wieder gesund zu mir nach Hause zurück. Sogar der Große, der jahrelang jeden verdammten Bazillus und Virus freudig in sich aufgenommen hat, ist auf einem guten Genesungsweg. Wenn ich den Kühlschrank aufmache, ist er voll, wir tragen alle Winterjacken und gute Schuhe. Ich liebe. Ich werde geliebt.
Am Wochenende weckt mich das Klavierspiel unserer Tochter, die selbst den Kauf von Winterstiefeln als „wunderschönen Mädchenausflug“ betituliert. Mein Sohn macht mir ein beidseitig gebratenes Spiegelei zum Frühstück, sagt „Ich finde, du bist die Beste.“ und schickt KEINEN zweiten Satz, in dem es um die Anschaffung eines iPods geht, hinterher. Die Kleinste küsst mich, ohne den Kuss anschließend wegzuwischen und öffnet morgens ein Auge mit „Mama! Komm, wir spielen Sching-Schang-Schong. Du hast Papier. Und ich, ich hab Schere.“.

Ich kenne Menschen, die sich ernsthaft freuen, wenn wir sie zu fünft ein paar Tage lang besuchen. Die nur Minuten nach der „Runter von der Couch!“-SMS neben dir am Kneipentisch sitzen. Die dir Nervennahrungs-Schokolade vor die Tür legen. Die mit dir urlauben wollen. Die dich fragen, wie es dir geht und dann auch eine ehrliche Antwort erwarten. Die dir sagen, dass du hübsch bist. Die dir Musik schenken. Deren „Tantchen“ dir gefühlt noch mal 15 Jahre Altersunterschied draufhaut, die aber unfassbar hilfsbereit sind. Die dich dabei haben wollen. Die dir eine „Would love to see you smile“-Tasche überreichen, welche dann 10, einzeln persönlich beschriftete Eier enthält. Einfach, um einem möglicherweise erneuten Engpass bei der Abendessenszubereitung für deine Kinder entgegenzuwirken.

Allesamt Menschen, die dich zum Lachen und zum Rührungsweinen bringen.

Mann. Wenn das nicht reicht.

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