Donnerstag, 9. Februar 2012

Sprachodezweipunktnull

Vor ein paar Tagen, kurz vor acht, die Großen schon aus dem Haus, das Kleine noch schlafend, dachte ich, es sei ein guter Moment für ein wenig Pilates. Kaum hatte ich die DVD eingelegt und mich in Position gebracht, erschien mein Jüngstes, verstrubbelt und zauberhaft, im einen Arm ein quietschbuntes Elefantenkissen, im anderen einen Wasserbecher: „Mama. Nich so feste. Du fällst sonst um.“.


Die meisten Eltern haben wahrscheinlich ein Büchlein, mit Tieren der Wildnis darauf, in dem man die Daten der ersten Zähne, Schritte und Impfungen eintragen kann. Ich nicht. Ich habe ein kleines, grünbeleintes Buch, in das ich die schönsten Worte meiner Kinder schreibe.


Das Morgengymnastikereignis ist dort ebenso vermerkt wie der Besuch im schwedischen Möbelhaus, der die Kleine, auf eine Mitarbeiterin zeigend, zu „Oh! Sieh mal, die Post!“ veranlasste. Auch der offenbar weihnachtsgeistlastige Versinger meines Sohnes beim Erlernen der Nationalhymne für die Schule in Form von „Heiligkeit und Recht und Freiheit“, oder die Drohung der Jüngsten mit erhobenem Zeigefinger „Papa, wenn du mich noch einmal schimpfst, dann… dann… dann darfst du keinen Kaffee mehr trinken!“ fanden dort Platz.


Gut, dass ich mich nicht zu entscheiden brauche, ob ich „Gehäuse“ anstelle von „Gebäude“, „Nachthüpferchen“ für „Betthupferl“, „Schwimmschwester“ für „Schwimmweste“, aber eigentlich „Badeanzug“, „Pfeil und Ellbogen“, „Zement und Zucker“, „Schnell wie ein Flitz“, „Maibaumlied“ für Volksmusik beim Wetterbericht des dritten Programms, oder „hinnadeln“ für „annähen“ besser finden soll!


Mit Sicherheit gibt es sie bereits, aber ich überlege ernsthaft, ob ich nicht eine Seite erstelle, auf der Eltern die Wortneukreationen und Alltagssprüche ihres Nachwuchses veröffentlichen können. Eine Art „SMS von letzter Nacht“ für Weichspülerweglasser.


„Das war ich nicht! Äh – oder hast du mich gesehen??“ könnte darauf ebenso gepostet werden wie die Unterhaltung eines Sieben- und einer Vierjährigen übers Schwindeln: „Da wird deine Nase so lang, dass die Vögel denken, das sei ein Ast!“.


Und nicht nur die Dinge, die dir deine Kinder selbst um die Ohren hauen, sind geradezu verehrenswert (Kleinstes, meine grün gesprenkelten Augen prüfend betrachtend: „Mama? Haste Brösel in den Augen?“), auch aushäusig und öffentlich sind die Äußerungen deiner Küken immer eine große Freude – dummerweise allerdings IMMER in Kombination mit einem „objektbezogenen“ Zeigefinger.


Dem Erdhügel am See („Oh. Hier ist auch ein Maulwurf gestorben!“) macht das vielleicht weniger aus als den fünfzehn Geistlichen und Nonnen, mit denen wir bei einem Schiffsausflug kollidierten: „Boh, Mama! Die viiielen Marias!“…


Wenn man darüber nachdenkt, wie man seinen Kindern die Umwelt erklärt – und zwar, indem man mit dem FINGER DARAUF DEUTET – doch nur logisch. Da bleibt am Anlegesteg dann halt nur konzentriertes Grinseunterdrücken. Und ein kleines bisschen Schämen. Aber nur kurz.


Ach. Obwohl ich an dieser Stelle natürlich zugebe, dass ich an manchen Tagen nur auf den Abend und die daraus resultierende Stille hinarbeite, nicht mehr antworten, erklären und diskutieren mag und auch sonst gerne eine Insel wäre, hoffe ich trotzdem, es endet nie. Das Wortschatzerweitern. Hätte ich mehr Zeit dafür, würde ich meinen Kindern stundenlang einfach nur zuhören. Etwa, wenn sie ihre Puppe schimpfen, und ich mich dabei selbst erkenne: „Ich sag das jetzt zum allerletzten Mal!“…


Mein „Glück“: meine Kinder sind die Kinder ihrer Mutter – die Chance, dass sie aufhören zu reden ist also gleich null.


Das Faschingskostümproblem (nachzulesen in der letzten Geschichte) ist im Übrigen zu 66 Prozent gelöst. Die restlichen 33 Prozent wollen eine „Flugzeugerin“ sein. Ich wünsche mir sehr, dass sie „Pilotin“ meinen, denn darüber, wie ich einen Flugzeugkorpus an eine knapp Dreijährige bastele, müsste ich tatsächlich eine Weile nachdenken.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

#herrlich - Über die SMS von letzter Nacht aus Kindermund würde ich mich sehr freuen :)

glg Karin