Samstag, 1. Oktober 2011

Wie du mir, so ich Sie

Sie hätte nichts Schöneres sagen können, die junge Frau an der Ladenkasse, bei der ich gestern eine Hose bezahlt habe: „Hast du eine Kundenkarte?“. Hast du eine Kundenkarte? Hast du eine Kundenkarte. Hast DU eine Kundenkarte? SIE HAT MICH GEDUZT! Ichhaltsnichaus!


Wann war er, der Moment, irgendwann zwischen „Zeig mal deinen Ausweis!“ und „He. Hier können Sie aber nicht parken!“? Ich habe es verpasst, das offenbar nahtlose Übergehen von „Du“ zu „Sie“. Einzig weiß ich, dass ich mich nicht erinnere, wann mich jemand Fremdes zuletzt öffentlich geduzt hat.


Ob mein zauberhaftes Erlebnis vielleicht auch damit zusammenhing, dass ich meine Kinder nicht dabei hatte? Ich habe nämlich bei mir feststellen müssen, dass meine Süßen mir automatisch fünf Jahre obendrauf hauen – nicht unbedingt optisch, aber unser Familienbild in seiner Gesamtheit lässt einen wohl „reifer“ aussehen. Dass mich, Jahrgang 79, eine Bekannte im Supermarkt in der Gemüseabteilung unlängst mit den freundlichen Worten „Ach? Du bist noch gar nicht 40?“ bedacht hat, ist dadurch allerdings auch nicht zu entschuldigen!!


Erschreckend finde ich ebenfalls die Erkenntnis, dass ich mittlerweile problemlos in Zehnerschritten denken kann. „Wann waren wir bei Jamiroquai?“ „Och, das ist bestimmt schon 10 Jahre her.“ Oder, auch gut: „Weißt du, damals, hm, wann war das, vor bestimmt FÜNFZEHN JAHREN…!!“. Oh mein Gott. Und wieso dürfen eigentlich Menschen, die in den 90ern geboren sind, schon Auto fahren? Sollten die nicht darüber nachdenken, welche Brotzeit sie in den Kindergarten mitnehmen wollen?


Mann, Mann, Mann. Wie sind sie schnell vergangen, die letzten Jahre. Von mir immer als „Oma-Sprüche“ abgetan, muss ich bedauerlicherweise zugeben, dass sich einer nach dem anderen bewahrheitet. Ein „Warte nur, wenn sie erstmal in der Schule sind.“ etwa. Ja. Ich weiß. Manchmal habe ich das Gefühl, ich komme überhaupt nicht mehr mit, so sehr rast seit ich Mutter bin alles an mir vorbei. Hatte ich nicht eben erst unseren Weihnachtsbaum aus dem Fenster geschmissen? Wieso sind denn jetzt schon wieder Lebkuchen in den Läden erhältlich?


Heute gehe ich übrigens zu einem Klassentreffen, an dem mit Sicherheit keiner seine Kinder dabei hat. Und ich hoffe aus tiefstem, eitelstem Herzen, dass wir allesamt gleich alt aussehen.

1 Kommentar:

Marco Dirscherl hat gesagt…

Hör mir bloß auf. Im fortschreitenden Familienalltag erhöht sich außerdem zwangsläufig die Zahl der einstmals mit Begeisterung ausgeübten Tätigkeiten, die heute unter der Kategorie "Ich bin zu alt für diesen Scheiß." abgeheftet werden.