Freitag, 28. Oktober 2011

Panta rhei - alles fließt, alles ändert sich

Heute was ganz Leises. Also spaßgebremst. Wer das eventuell nicht ertragen kann, weil es nicht zum Sonnenherbstwochenende passt, hört besser auf zu lesen… AB HIER.


Meine Kinder messen den Gewichtungsgrad ihrer Freundschaften oft noch daran, wer einem am wenigsten oft den Baustein über die Rübe zieht, wer bei dem einen Spiel im Pausenhof mitmacht und nicht lieber etwas anderes tun möchte, oder, wer Zeit zum Biken und Kraft genug zum Rampenbau hat. Und die Worst-Case–Entfreundungsandrohung im Kindergarten? Wenn ein Vierjähriger zum anderen Vierjährigen sagt: „Dann lad ich dich nicht zu meinem Geburtstag ein!“.


Im Erwachsenenalter ändert sich das. Das Freundschaftsding wird direkt proportional zum Wortschatz komplexer. Und der Freundschaftserhalt manchmal schwierig. Wenn man Wege in entgegen gesetzte Richtungen einschlägt, und sich diese Wege nicht wieder überschneiden. Zu mir hat in diesem Zusammenhang mal jemand gesagt, dass unser daraus resultierendes Freundschaftsende schlimmer gewesen sei, als das Ende einer Liebesbeziehung. Obwohl ich darüber unglaublich oft nachdenke, kann ich bis heute kein Zurück finden.


Vielleicht fängt man in einer Freundschaft auch plötzlich an, am anderen Dinge festzustellen, die man weniger liebenswert findet. Man beginnt, sich in Gegenwart des anderen unwohl zu fühlen. Und sich dann vielleicht nicht mehr besonders herzlich begrüßt. Weil man Dinge nicht aus- bzw. ansprechen mag zum Beispiel.


Aber nichts ist selbstverständlicher, als seinen Freund aufzufangen, wenn er nur bereit ist, einen wissen zu lassen, wieso er fällt.


Denn auch wenn man sich nahe ist, kann man gegenseitig nicht alles „erspüren“.


Ich merke, dass eine Freundschaft viele „Intensitäten“ haben kann, ohne, dass man sie im Grundsatz infrage stellen muss. So lasse ich mich gerne von jemandem 14 Mal in Folge am Telefon mit „treulose Tomate“ beschimpfen, weil ich weiß, dass es, wenn wir uns das nächste Mal sehen so ist, als hätten wir erst gestern gemeinsam die Couch mit Rotwein getränkt. Manchmal verliert man sich sogar für länger aus den Augen, kann dann aber völlig naht- und problemlos wieder anknüpfen. Meine liebste Freundin sagt dazu, dass sie den einen oder die andere, obwohl seit zwei Jahren nicht gesehen, trotzdem um fünf Uhr morgens anrufen könne.


Es ist wohl einfach, wie sonst auch, eine Frage der Qualität.


Und damit meine ich nicht die Dinge, die eine bestimmte Freundschaft beinhalten. Ich kann es genauso wertvoll finden, mit einer handvoll anderer Frauen um einen Kleiderschrank zu sitzen (dessen ungeahnte Dimensionen übrigens hervorragend zu MTV Cribs passen würden), um diverseste Outfits für eine gemeinsame Wienreise zusammenzustellen, wie jemanden in den Arm zu nehmen, der sich dir, auch wenn es ein bisschen gedauert hat, plötzlich öffnet und seine privatesten und einschneidensten Erlebnisse preisgibt.


Ein „Mei, du bist so herrlich blöd!“ rangiert auf meiner persönlichen Freundschaftsbekundungs-Top-10 gaaaaaaanz weit oben, und das Gefühl, in einer Spätsommernacht spontan mit den bezauberndsten Frauen im eigenen Innenhof zu sitzen, lässt sich auch von mir kaum in Worte fassen. Dass jemand, bevor du in den Urlaub fährst, extra noch bei dir vorbeikommt, um dich zu drücken, dich noch anruft, um sich zu verabschieden, weil er dich ja jetzt zwei Wochen lang nicht sieht, oder dir am Tag deiner Rückkehr einen selbstgebackenen Kuchen vorbeibringt, weil er sich so freut, dass du wieder da bist, ist schöner als alles Materielle.


Es gibt eben einfach Menschen, die zu einem passen wie Arsch auf Eimer.


Wenn man Kinder hat, ist das private, soziale Netzwerk oft auf ebenfalls „bekinderte“ Paare beschränkt. Doch auch, wenn man die Mütter und Väter sympathisch findet, ist das noch lange kein Garant dafür, dass es auch zwischen dem Nachwuchs harmoniert. (Wie ausnehmend wunderbar, wenn es doch so ist!)


Denn Kinder sind zwar klein, aber nicht doof. Wieso sollten also nicht auch sie Menschen haben, mit denen sie sich ohne viele Worte uneingeschränkt verstehen, die auch sie ein paar Monate nicht gesehen haben, aber schon nach zwei Sekunden gackernd im eigenen Zimmer verschwinden, oder denen sie strahlend und mit dem Regenschirm in der Hand auf dem Gehweg 200 m entgegenlaufen. Wenn sich zwei Zweijährige, obwohl sie gerade gänzlich Unterschiedliches spielen, trotzdem im Vorbeilaufen über die Wange streicheln und sich anlächeln, sagt das mehr aus, als alles andere.


Vor einiger Zeit sind zwei meiner Freundschaften, von denen ich bis dahin dachte, sie hätten Gewicht, zerbrochen.

Hm. Schlimm. Mein Mann hat damals versucht mich zu trösten, indem er mir seine Definition des Wortes „enttäuscht“ nahe gelegt hat: eine Täuschung wird aufgehoben. Eben „ent-täuscht“. Hat geklappt, mein Herz.


Und - durch das Ende der eben genannten Freundschaften konnte ich tatsächlich einige neue, viel wertigere und wichtigere schließen. Mittlerweile habe ich sogar das unfassbar schöne Gefühl eines „endlich-angekommen-seins“. So ist eben immer alles für was anderes gut.


Bezeichnend für diese neuen Menschen in meinem Leben finde ich auch, dass wir oft schon Bescheid wissen, ohne alles bis ins kleinste Detail durchkauen zu müssen. Natürlich sprechen wir über Privates, aber immer niveauvoll und immer „über der Gürtellinie“. Auch, wenn man sich das bei Frauen im Allgemeinen und vielleicht bei mir im Besonderen nur schwer vorstellen kann. Aber selbst bei einer San reicht oft nur ein Blick.


Und besonders schön ist übrigens auch, dass sich meine Freunde unabhängig voneinander diverseste Hochzeitslocations für mich ausmalen. Und wenn ihr mir fest versprecht, dass ich euch nicht doch allesamt auf dieses italienische Weingut karren muss, könnte ich über das Hochzeitsding ja vielleicht irgendwann mal nachdenken.

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