Montag, 26. September 2011

Wer hat an der Uhr gedreht?

Das Ding mit der Zeit ist ja auch so eine Sache. So sind beispielsweise die zweieinhalb Jahre, die unser Kleinstes auf der Welt ist, unglaublich schnell vergangen, die paar Wochen, seit unsere älteste Tochter mein allerliebstes, nagelneues Biotherm-Körperspray im Italienurlaub geschrottet hat und ich auf Ersatz durch meinen Mann hoffe, elendig lange. Strategisch geschickt benutze ich einstweilen übrigens sein Issey Miyake, damit das Aufsuchen einer Parfümerie seitens meines Liebsten nicht mehr ganz so sehr auf sich warten lässt. (Schahaatz? Der Herr Kenzo hat auch nix mehr drin!!)


Wenn der Älteste mit seinen Freunden nur bis halb sechs zum Biken darf, anstatt bis halb sieben, empfindet er das als absolut zu kurz, das von mir erteilte Fernsehverbot für das dann folgende und die drei vorherigen Male von „Booooh, Mann, son Scheiß!“, gepaart mit No-Go-Gesichtsausdruck, definitiv als Unendlichkeit.


Ich kann Nachmittage damit verbringen, den Geschirrspüler auszuräumen. Wie viele Ladungen das dann sind? Was soll das denn heißen? Nur eine natürlich. Ich denke, dass eine unserer großartigsten Haushaltshilfen eine Lichtschranke hat, die direkt mit dem Sprachzentrum meiner Kinder verbunden ist, und sie, sobald ich die Geschirrspülerklappe öffne, in einer Zehntelsekunde „Mamaaaaa? Kommst du mal?“ rufen lässt.


Ich erinnere mich, als ich, allerfrischeste Erstlingsmama, Besuch von einer noch kinderlosen Freundin bekam. Wir wollten nach draußen, spazieren gehen, und als ich nach einer halben Stunde (stillen, wickeln, Tasche packen, Kind anziehen, Diddie suchen, noch mal wickeln, selber anziehen) noch immer nicht fertig war, erntete ich von ihr, die sie im gleichen Zeitraum pinkeln war und ihren Schlüssel genommen hat, ein genervtes Augenverdrehen. Ein paar Jahre später bekam sie auch einen Sohn. Mein charakterschwaches Genugtuungsgen hüpfte meterhoch, als sie mir erzählte, sie hätte für die Vorbereitung des ersten Spazierganges mit Mann und Kind geschlagene zwei Stunden gebraucht. Ach. Sowasaberauch.


Vor ein paar Wochen wollte das kleine Eine unbedingt mit dem Radl zum Einkaufen fahren. Dass der Zielort 14 Kilometer entfernt war, war ihm egal. So habe ich ihm auf unserem Grundstück den Helm aufgesetzt, ließ es auf seinem Laufrad die geschätzten drei Meter bis zu unserem Auto flitzen, habe ihm den Helm wieder abgesetzt, das Rad in den Kofferraum gepackt, das Kind ins Auto und fuhr los. Beim Nachhausekommen exakt noch einmal. Rückwärts halt. Ob ich spinne? Äh - ja. Aber die Diskussionsdauer, wenn ich es nicht so gemacht hätte, wie ich es habe, hätte mit Sicherheit weit mehr Zeit in Anspruch genommen!


Oft ist es aber wirklich ausgesprochen schön, wegen der Kinder viel länger für bestimmte Alltäglichkeiten zu brauchen. Zum Beispiel 25 Minuten für 400 Meter. Nie im Leben wüsste ich nämlich, wie die Rosen unserer Nachbarin riechen (die Roten, ganz hinten), würde mein Jüngstes nicht auf dem Weg zum Metzger jedes Mal dort anhalten, sein Laufrad abstellen und das Näschen über den Zaun halten. Ich wüsste nicht, dass das, was ich bisher immer für ein Info-Täfelchen des Wasserwirtschaftsamtes gehalten habe, eigentlich die Speisekarte unseres Italieners ist („Ah! Schau, Mama! Es gibt Gnocchi und Salamipizza!“), und unter keinen Umständen wäre mir die kleine Spalte am Rande des Bürgersteiges aufgefallen, die offenbar eine Käferfamilie beherbergt.


Dann wäre da noch was. Manchmal sagt mein Mann gar kluge Sachen. Und obwohl ich es ganz und gar nicht leiden kann, wenn es so ist, muss ich zugeben, dass er Recht hat. Eine dieser klugen Sachen ist nämlich, dass es Dinge im Leben gibt, die man abwarten können muss. Ein Gartenfest im Spätsommerfrühherbst beispielsweise. Oder, 32 werden zu müssen (es ist mir scheißegal, wie alt ich ganz genau war, als ich euch kennen gelernt hab, das Gefühl von heute zählt), um Menschen um einen versammelt zu haben, die so wichtig, so wertvoll und so besonders sind, dass auch ich es mit Worten nicht beschreiben kann.


Echt? Wars doch später als elf? Kam mir viel kürzer vor!

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