Donnerstag, 8. September 2011

So I say thank you for the music, the songs, I´m singing...

Es ist Donnerstag, es ist 21.00 Uhr, ich stehe im Wohnzimmer und singe lauthals mit zu Nils Landgrens Version von „Thank you for the music“. Wieso ich das so heraushebe? Gut, noch mal. Es ist Donnerstag, es ist neun und ich höre in meinem Wohnzimmer Musik. Meine Musik. Laute Musik. Na? Klingelts? Richtig. Keine Kinder. Die habe ich heute Nachmittag im bayerischen Wald bei Oma abgeladen. Und weil ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll, mache ich gar nichts. Fast nichts. Ich singe.


Früher… früher hab ich immer laut Musik gehört. Beim Zähneputzen, beim Kaffeetrinken, zum Einschlafen, beim Sport, beim Kochen und natürlich beim Weggehen. Oder wenn Freunde da waren. Plötzlich hat sich das geändert, in einem Haus, dessen einzige Türen - neben der Eingangstür - die zu den Schlaf- und Badezimmern sind. Und es hat meine lieben, damals noch kinderlosen Freunde zu diesem Gespräch animiert:


Er: „Woran merkst du, dass die beiden jetzt ein Kind haben?“

Sie: „Hm?“

Er: „Hör mal!“

Sie: „Was denn?“

Er: „Na, hör doch mal!“

Sie: “Ich hör nix.“

Er: „Eben.“


Es ist, auch wenn jetzt vielleicht der Eindruck entstanden ist nicht so, dass es bei uns keine Musik gibt. Wir sind ein bekanntermaßen sehr musikalischer Haushalt. Mit Instrumenten. Früher habe ich sogar selbst Musik gemacht. Auf einer Bühne. Mein Mann ebenfalls. Und das zarte Pflänzchen nachbarschaftlichen Wohlwollens konnte sich sogar bis heute ob des leidenschaftlichen Schlagzeugspiels meines Liebsten nicht mehr gänzlich erholen. Doch haben sich Genre und Dezibelanzahl gehörig verändert. Jetzt sitze ich nämlich einmal in der Woche mit einer Menge anderer intelligenter, gut aussehender, gebildeter Frauen von 9.00 bis 11.00 Uhr auf einem blauen Teppich und singe Lieder von Fröschen, bei denen man abwechselnd die Augen zukneifen und die Zunge rausstrecken muss. Oder von Eseln, währenddessen man mit dem eigenen Hintern wackelt. Ich galoppiere mit einem Salatsieb als Helm- und einem Besen als Pferdersatz durch unser Haus und gröle gemeinsam mit Ritter Rost „Alles ist so laaaaaaangweilig!“, ich drehe mich um die eigene Achse und fordere Prinzessin Lillifee auf „Lass uns baden gehn!“. Und wage ich es, etwa während der Essenszubereitung, eine meiner CDs aufzulegen, kann ich sicher sein, dass eines meiner Kinder in unter einer Minute, egal, ob es zuvor hochkonzentriert „Vater, Mutter, Kind“ gespielt oder auf dem Klo gesessen hat, mein musikalisches Intermezzo beendet. Genervt. Und mich fragt, ob ich dieses doofe Lied denn nicht schon auswendig…


Die ungelogen einzig uneingenommenen Festungen, musiktechnisch, sind unsere Autos. Noch NIE hatte Lillifee Kontakt mit den CD-Playern von Volvo und Multivan. Noch NIE sah man mich an einer Ampel stehen und andächtig den Abhandlungen von „Was ist was“ bezüglich den Sternen und der Zeit lauschen. Mein Auto. Meine Regeln.


Dabei ist unser Ältester doch einst zu meiner, sich tatsächlich selbst aufgelegten, alten Scheibe von Limp Bizkit auf dem Sofa gehüpft. Begeistert. (Allerdings nur so lange, bis er mich, damals noch vor dem Kindergartenalter, fragte, was denn „Massafagga böan“ heiße. Ab da an war diese CD unauffindbar.)


Doch es gibt Licht am Ende des (un-)musikalischen Tunnels. So gibt mein Sohn im Freundebuch einer seiner Klassenkameraden als Lieblingsband nicht Donikkl, sondern die Foo Fighters an, meine ältere Tochter singt in einem entzückenden selbst erfundenen Englisch bei den Radiocharts mit und vernehme ich von unserem jüngsten, zweijährigen Kind nach den beiden ersten Takten von „TNT“ ein fröhliches „Ah! AC/DC!“, schöpfe ich Hoffnung.


Denn - mal ehrlich. Ab nächster Woche hab ich zwei (!) Schulkinder, das Kleinste kommt in ein paar Monaten in den Kindergarten. Die Zeitspanne, in der Detlev Jöcker ein festes Mitglied unserer Familie ist und bis ich bezüglich des pubertären Musikkonsums meiner Nachkommen die Worte meiner eigenen Mutter gebrauche, die da lauteten „Kannst du diesen Scheiß denn nicht ein bisschen leiser…??“, ist mikroskopisch klein. Das kann ich locker abwarten. Und offen gestanden singe ich unglaublich gerne, ich sei „ein kleiner Esel“ und Gute-Nacht-Lieder, bei denen ich das „Wenn Gott will“ durch ein pädagogisch wertvolleres „Wann Gott will“ ersetze. So meine Kinder denn aus den Ferien bei Oma zurück sind.


Aber bis dahin… Ich lege „Echos, Silence, Patience and Grace“ ein. Ich schließe alle Fenster. Ich lächle. Und drücke auf „play“.

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