Dienstag, 28. Juni 2011

Ein Schrank? Ein Schrank.


Ich war mit den Kindern unterwegs, letzten Donnerstag, als mein Mann mich anrief und fragte, wie es denn jetzt eigentlich um die Situation bei uns im Schlafzimmer bestellt sei. BITTE?? Na, wir hätten doch über ein neues Schranksystem nachgedacht? Aaaahso. Er wäre nämlich jetzt in der Nähe des Möbelhauses, fahrzeugtechnisch gerüstet, und könnte gleich…
Es ist wahrscheinlich nicht nötig anzumerken, dass ICH im Normalfall bei uns den Part des spontanen Renovierungs- und Verschönerungsarbeiten-beginners übernehme. Samstagabend, halb acht, noch eben in den Baumarkt und Material für ein Holzpodest plus Lasur plus Deko besorgen – kein Thema. Solange es schnell geht, ist sachgerechte Ausführung bei mir allerdings oft nebensächlich, wenn ich mich entschieden habe, wird ein fünf Kilo Bilderrahmen auch an die Wand genagelt (hält!). Function follows form. Besonders nach Silvester ereilt mich regelmäßig ein unhaltbarer Drang nach Erneuerung, was meinen Mann in diesem Jahr zu einem „Da schau her – der sechste Januar und schon die halbe Wohnung gestrichen!“ verleitete. Auch wenn ich verführerisch im Türrahmen lehne und „Du, Schatz…?“ hauche, reagiert er in keiner Weise so wie vielleicht andere. Nein. Der Mann, der meiner ist, schlägt panisch die Hände über dem Kopf zusammen und ruft „Was willst du streichen oder einreißen und wie viel kostet das??“
Ich war also verständlicherweise überrascht, hatte aber unlängst gelesen, dass Partner sich charakterlich im Lauf der Jahre angleichen, fand das bestätigt, freute mich und willigte ein.
Am Sonntagnachmittag – die Kinder waren bei Oma und Opa – leerten wir unsere Schränke, lagerten deren Inhalt auf unserem Bett und bauten sie ab.
Der Transport in ihr neues „Zuhause“ und das Zusammenschrauben ihrer Nachfolger verlief wie erwartet problemlos. Wir hatten uns allerdings zeitlich ein klein wenig verschätzt und der Abend inklusive Kinder abholen, Abendessen und zu Bett bringen kam schneller als geplant.
In dieser Nacht schliefen wir auf dem Sofa.
Montagmorgen. Der Plan: Aufbaurest erledigen, einräumen. Hm. Unser Heim ist Baujahr 1899, legste eine Murmel in die eine Ecke, kullert sie in die andere. Rechte Winkel sind praktisch nicht vorhanden, gerade Linien, beim Wände streichen etwa, werden entweder der Decke oder dem Fußboden entsprechend gezogen. Das bedeutet also, dass man bei uns zu Hause Möbel nicht einfach so aufstellt.
Auch bei den neuen Schränken mussten die Rückwände der Fußleiste angepasst, für das Über-Eck-Stellen zweier Korpus ein Zwischenbrett auf Gehrung geschnitten und zuletzt die ganze Schose an die Wand gedübelt werden. Und das mit ohne wasserwaagenfreundlicher Begleitumstände.
Habe ich erwähnt, dass mein Mann selbständig ist und unsere Kinder – drei an der Zahl - gerade Pfingstferien hatten? Schon im Normalfall stellt das für mich oft eine gewisse Herausforderung dar, hier besonders.
Es verlief nämlich hahahaha NICHTS wie geplant. Mein Mann wurde von seinem „schwarzen Büroloch“ verschluckt und die Kinder wollten versorgt und bespasst werden. Ohne erwähnenswerter Neuerungen auf dem Schrankaufbausektor verstrich ein weiterer Tag, ein neuer brach an.
Eigentlich sind wir ja ein baustellenerprobtes Paar, mein Mann und ich, dennoch kann ich nicht verstehen, weshalb es uns entgegen aller Routine und schweigender (!) Übereinstimmung bei bestimmten Arbeitsabläufen nicht gelingt, ein – ich nenne es „Projekt“ – nur in diesem einen Raum zu belassen, den es tatsächlich betrifft. Wir ändern was im Schlafzimmer und gut. Schauwiesielacht. In vier anderen Räumen wurde inzwischen nämlich ebenfalls geschoben und gerückt. Wenn wir schon, dann könnten wir, ich räum das mal dahin, da ist doch jetzt Platz und wollten wir nicht den Arbeitsbereich… Flur, Wohnzimmer, Küche und Bad (??) versanken inzwischen ebenfalls in Bergen von Klamotten, Kunstwerken unserer Kinder, Mountainbiking-Protektoren, Werkzeug, Bildern, Kleinmöbeln und Schau-was-ich-gefunden-habs. Dazwischen ich. Leidend. Und Flüche ausstoßend, von denen ich selbst nicht wusste, dass sie sich in meinem Repertoire befinden.
Sortieren, Rücken, Schieben, Niesen, darunter immer meine wirklich zauberhaften, aber ferienbeseelten Kinder, Familienausflüge, erneute Fahrt ins Möbelhaus, diverses Schrankinnenleben besorgen, Wäsche, ein Frühsommersturm mit geknickten Ästen im Garten, Einkäufe, eine TAUFE NÄCHSTEN SONNTAG, ja, ist gut, ich hab verstanden, Mann, wieso du schnappatmest wenn ich mal ein bisschen umräumen will! Aber sonst bin ICH immer an allem schuld und schon alleine daher wahrscheinlich resistenter!
Wir schlafen jetzt die sechste Nacht auf dem Sofa. Und bis auf die zweifelsohne positive Tatsache, dass ich meine Unterwäscheschublade sortiert habe, Prinzip: alles wegschmeißen, was ich AUF KEINEN FALL bei einem - gottbewahre - Unfall tragen will (dass ich jetzt nur noch vier BHs und elf Unterhosen habe, macht nichts, schließlich wasche ich ja täglich), konnte ich beim besten Willen noch keine weiteren guten und plausiblen Gründe für all den Aufwand erkennen. Aber ich bemühe mich. Wird schon.
Zu meinem Mann hab ich bisher übrigens noch nichts in der Art gesagt, die sonst die seine ist. Ich habe nämlich beschlossen, mir das aufzuheben wie einen richtig guten Wein für einen ganz besonderen Moment. Sozusagen mein Bordeaux-Ass im Beziehungsärmel. Für den Fall, wenn ich das nächste Mal im Türrahmen lehne und hauche: „Duhuu, Schatz?“…

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